YASA - Kurdisches Zentrum für Studien & juristische Beratungen e.V.

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Hintergrundwissen und die aktuelle Lage in Kurdenregion Afrin

Februar 04, 2018

Mit der andauernden Bombardierung der Region Afrin durch die türkische Luftwaffe seit 15 Tagen steigt die Zahl der Opfer unter den Zivilisten, darunter vor allem Frauen und Kinder. Tausende Dorfbewohner an der türkisch-syrischen Grenze mussten ihr Hab und Gut zurücklassen, um vor dem intensiven Beschuss der türkischen Artillerie und Luftwaffe zu fliehen. Im Zuge des syrischen Bürgerkriegs hatten bereits viele Jugendliche und Männer diese Region in Richtung Europa verlassen. In den Dörfern blieben Ältere, Frauen und Kinder zurück. Viele Ältere und Kranke konnten nicht rechtzeitig vor den Angriffen der an der Seite des türkischen Militärs kämpfenden Miliz fliehen. Diese Milizen bestehen aus Dschihadisten und islamistischen Gruppierungen. Den Berichten der Dorfbewohnern zufolge wurden viele Hinterbliebene von diesen extremistischen Gruppierungen ermordet. Bei ihren Angriffen gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten werden diese Milizen von türkischen gepanzerten Fahrzeugen, Artillerie und Luftwaffe unterstützt. Mehrere Dörfer nahe der türkisch-syrischen Grenze sind durch die Bombardierung des türkischen Militärs und Angriffe der Dschihadisten komplett zerstört worden.

In dieser Region leben die Menschen normalerweise von der Landwirtschaft und Viehzucht. Auch Tausende von Nutztieren mussten die Dorfbewohner zurücklassen. Die Region Afrin (Kurdisch Efrin) ist für den Anbau von Olivenbäumen bekannt. Dort lebten vor dem syrischen Bürgerkrieg etwa eine halbe Millionen Menschen, davon fast ausschließlich Kurden. Im Zuge der Unruhen in Syrien wandelte sich diese Region zu einem Zufluchtsort für etwa eine halbe Million Menschen. Heute leben in Afrin schätzungsweise eine Million Menschen aus allen Teilen Syriens. Die Region Afrin ist seit etwa 6 Jahren von der Außenwelt isoliert. Einerseits schloss die Türkei ihre Grenzübergänge nach Afrin und verhinderte damit sämtliche Hilfslieferungen von internationalen Organisationen. Andererseits wurde Afrin auf syrischer Seite abwechselnd mal durch die sogenannte freie syrische Armee, mal durch extremistische Gruppierungen und nicht zuletzt durch den IS belagert. Alle Akteure des syrischen Bürgerkriegs haben versucht, das friedliche Zusammenleben der Syrer in dieser Region zu zerstören und die Volksgruppen gegeneinander auszuspielen. Vor dem Hintergrund der bitteren Erfahrungen in den Kriegsregionen haben die Menschen in Afrin zusammengehalten. Aufgrund der starken Landwirtschaft und der finanziellen Unterstützung von kurdisch-stämmigen Afrinis aus der Diaspora konnte die Region in den vergangenen Kriegsjahren einen Ausgleich finden und ihren Bewohnern im Vergleich zu vielen anderen Orten in Syrien ein würdiges Leben in Sicherheit bieten. Die Region Afrin besteht aus der Großstadt Afrin und 360 Dörfern. Diese Region wurde nach Ausruf der Autonomie in Nord-Syrien in Kanton-Afrin umbenannt. Die kurdischen Parteien mit der PYD an der Spitze etablierten in den letzten Jahren eine Verwaltung, die das öffentliche Leben in der gesamten Region organisierte. Alles, was die Kurden in Nord-Syrien erreicht und etabliert haben, galt für den türkischen Aggressor Erdogan immer als Grund zur Beunruhigung. Die Türkei hat seit Beginn des syrischen Krieges mit allen Mitteln versucht, die kurdische Revolution in Syrien und den Umbruch in der kurdischen Politik in Syrien zu unterdrücken. Sie hat es geschafft, die syrischen Kurden zu splitten und ihre Rolle in der gesamt-syrischen Opposition zu schwächen. Auf Druck der Türkei werden die syrischen Kurden von allen internationalen Friedenskonferenzen bezüglich Syrien in Genf sowie Wien ferngehalten.

Die Türkei hat maßgeblich dazu beigetragen, den IS in Syrien zu stärken, um ihn gegen die Kurden im Norden des Landes einzusetzen. Sie hat auch lange verschiedene dschihadistische Gruppen dabei unterstützt, die Kurden anzugreifen. Die Bilder von Kobane verdeutlichten, wie intensiv die Türkei IS Kämpfer unterstützte und diese vor den Augen der internationalen Medien zum Kampf gegen die Kurden nach Syrien schickte. Die Unterstützung der Türkei mit finanziellen Mitteln, Kämpfern und Waffen, verhalf dem IS in Syrien zu Stärke und Durchhaltevermögen. Als die Versorgungslinien der IS aus der Türkei durch Kurden und US geführte Allianz gestoppt wurden, wurde der Niedergang des IS besiegelt. Die Türkei hat versucht, den IS für ihre Interessen gegen die kurdische Minderheit in Syrien auszuspielen und scheiterte letztlich am starken Willen der Kurden. Die Kurden konnten dank der Unterstützung der internationalen Koalition den IS in Syrien und im Irak endgültig besiegen. Ohne die tapferen Kämpfer der Kurden wäre die Grenz Europas in Nord-Syrien bis heute noch unter der Kontrolle des IS. Aus Mangel an weiteren Akteuren, die sie gegen die Kurden einsetzten kann, begann die Türkei vor den Augen der internationalen Gemeinschaft ihren völkerrechtswidrigen Krieg gegen die kurdische Minderheit und den dort lebenden syrischen Flüchtlinge im Nachbarland Syrien, auch unter dem Vorwand, den IS in Afrin zu bekämpfen, obwohl der IS nie in Afrin präsent war!

Die Türkei verfügt über die zweitstärkste Nato-Armee und setzt die modernsten Waffen gegen die kurdische Minderheit im Norden Syriens ein. Trotz ihrer militärischen Stärke konnte sie seit Bgeinn ihrer offensive keine spürbaren Erfolge gegen die kurdischen Volkseinheiten erzielen. Die hochgerüstete türkische Armee kann gegen die Mitglieder der kurdischen Volkseinheiten nicht viel ausrichten. Die kurdischen Volkseinheiten haben in den letzten Jahren in mehreren Kriegen gegen den IS und dschihadistische Gruppierungen ihre Region verteidigt. Sie sind kampferprobt und erhalten breite Zustimmung der Bevölkerung im Kampf gegen das türkische Militär und Extremisten.

Das Stocken der Bodenoffensive versucht die Türkei mit intensiven Luftschlägen auszugleichen, was zur totalen Zerstörung der Region Afrin und zu vielen Opfern unter der Zivilbevölkerung führt. Schulen, Olivenmühle und gesamte Infrastruktur wurden zum Ziel der türkischen Luftangriffe. Den Berichten der Bewohner aus Afrin zufolge überfallen dschihadistische Gruppen mit Unterstützung der türkischen Armee kurdische Dörfer und nehmen Landmaschinen und Traktoren der Landwirte und schaffen diese in die Türkei. Die Terroristen verkaufen diese Maschinen und alles was sie erbeuten in der Türkei und finanzieren damit ihren Krieg in Syrien. In der kleinen Stadt Rajo haben die Terroristen mehrere Olivenmühlen angegriffen und Tonnen von Essbaren Olivenöl ungebräuchlich gemacht. Die Menschen in der Region Afrin leben vom Anbau von Olivenbäume und ihrer Produkte. Die Türkei versucht mit allen möglichen Mitteln die Grundlage der Zivilbevölkerung in der Region zu zerstören und die Kurden von dieser Region zu vertreiben. Das türkische Militär hat in den letzten zwei Jahren bereits tausende von Olivenbäumen und Anbauflächen der kurdischen Bauer und Landwirten durch einen Mauerbau zerstört.

Der Vorwand der Türkei die Terrorgruppe IS in Syrien zu bekriegen ist eine heuchlerische und vortäuschende Argumentation. Denn IS konnte niemals aufgrund des Widerstands der Kurden in die Region Afrin eindringen. Außerdem wurde die IS Terrorgruppe in gesamten Nord-Syrien durch Kurden und US Truppen gejagt. Die Türkei spricht von Sicherheitsrisiken an ihrer Grenze zu Syrien durch die kurdischen Volksverteidigungseinheiten und nutzt es als Argumentation für ihre Offensive gegen die Kurden. Die Kurdischen Volkseinheiten haben in den letzten Jahren, trotz wiederholter Provokationen türkischer Grenzsoldaten, keinen einzigen Schuss in Richtung Türkei abgefeuert und sich darauf konzentriert die Region Nord-Syrien von IS und andere Terrorgruppen zu schützen. Es ist darauf hinzuweisen, dass in Nord-Syrien verschiedene Ethnien leben und alle an der Führung der etablierten Verwaltung beteiligt sind.

Die syrischen Kurden waren stetig bemüht die Stabilität der Region zu gewährleisten, trotz der ständigen Provokationen der Türkei durch ihre Unterstützung des IS und durch wiederholte Übergriffe auf kurdischen Ziele. Die Türkei folgt mit ihrer militärischen Offensive nur einem Ziel in Nord-Syrien und zwar die Selbstverwaltung der Kurden zu zerstören. Um dieses Ziel zu erreichen, ist die Türkei auch bereit die gesamte kurdische Bevölkerung zu deportieren und weitere Massaker an die Kurden zu begehen. Vor dem Hintergrund des Schweigens der internationalen Gemeinschaft und vor allem der EU und Nato wird die Türkei ihren rechtswidrigen Krieg gegen die Kurden im Nord- Syrien fortsetzen.

Die internationale Gemeinschaft ist aufgefordert, den türkischen Krieg in Nord-Syrien zu stoppen. Vor allem die EU Länder und Nato-Partner der Türkei können unmittelbar auf die Türkei einwirken, ihren Krieg gegen die Kurden zu beenden und der humanitären Katastrophe im gesamten Land Syrien ein Ende zu setzen. Die Stadt Afrin darf nicht fallen und zerstört werden. Die dschihadistischen Gruppierungen werden bei einem möglichen Einmarsch in die Stadt Afrin die Bewohner regelrecht massakrieren. Diese Gruppen warten schon lange darauf, in die Region einzudringen und die Kurden dort zu vertreiben. Die Türkei verfolgt auch das Ziel, die arabischen Flüchtlinge in der kurdischen Region anzusiedeln und damit die Arabisierungspolitik von Assad in der kurdischen Region fortzusetzen.

Fawzi Dilbar

Kurdisches Zentrum für Studien und Juristische Beratungen-YASA e.V.

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